Bürgerstiftung Rheinviertel und Forum Bad Godesberg: Schockanrufe - Informationen, wie und warum sie funktionieren

Schockanrufe gehören zu den perfidesten Betrugsmaschen unserer Zeit. Wie sie funktionieren und warum selbst besonnene Menschen darauf hereinfallen können, darüber informierte eine Veranstaltung am 19. Juni 2026 im Pastoralen Zentrum St. Marien.
Von einer „doppelten Premiere“ sprach Agnes Leinweber von der Bürgerstiftung Rheinviertel bei der Begrüßung. Die Moderation übernahm Bildungsreferentin Julia Heidler. Zum einen arbeiteten Bürgerstiftung Rheinviertel und Forum Bad Godesberg erstmals für eine gemeinsame Veranstaltung zusammen, zum anderen präsentierte mit Luise Dinger erstmals eine Wolfgang-Picken-Stipendiatin der Katholischen Hochschule NRW Ergebnisse ihrer laufenden Promotion.
Das Podium vervollständigten zwei Vertreter der Bonner Polizei: Bernhard Sodoge ist Technischer Sicherheitsberater/Seniorenberater und arbeitet im Bereich Kriminalprävention/Opferschutz. Kriminalhauptkommissar Jörg Mittelstädt kennt die Konsequenzen erfolgreicher Schockanrufe aus eigener Ermittlungsarbeit.
Luise Dinger untersucht in ihrer Promotion die Auswirkungen der Taten auf die Opfer. Grundlage dafür sind persönliche Interviews, für die sie bundesweit über unterschiedlichste Kanäle Gesprächspartner suchte. Eine erste Erkenntnis: „Die Opfer erleben den doppelten Bruch.“ Zuerst der emotionale und körperliche Schock angesichts der ihnen vorgegaukelten Katastrophe aus dem engen Familienkreis, die sie in dem Moment als real erleben und zum Beispiel wirklich glauben, die Stimme der schwer verletzten Tochter zu hören. Später die Betrugserfahrung und vor allem die Scham darüber, dies nicht erkannt zu haben und zum Opfer geworden zu sein. „Zweimal wird mit meiner Wirklichkeit gebrochen“, so Luise Dinger.
Jörg Mittelstädt machte eindrucksvoll klar, was da tagtäglich passiert: „Dies ist ein mafiös strukturiertes Massenphänomen, meist per Call Center aus Osteuropa, und die Anrufe erfolgen im Akkord.“ Persönliche Informationen werde im Vorfeld professionell ausspioniert. Vom Anbahnungstelefonat bis zur eigentlichen Tat bzw. Übergabe oder Abholung der Beute, vergehen nur drei bis vier Stunden. „Das Geld kommt dann sofort ins Ausland, und der Schmuck wird eingeschmolzen.“ Warum trifft es vor allem Ältere? „Sie haben noch Vertrauen in die (vermeintlich echte) Polizei, können weniger körperliche Gegenwehr leisten und haben eine geringere Resilienz in Stresssituationen“, erklärte Jörg Mittelstädt.
„Wenn ein Mensch Angst und Druck verspürt, kann man nicht mehr rational denken“, so Bernhard Sodoge. „Die Täter sind immer gut vorbereitet, wir nicht“, ergänzt er und nennt dies „die Macht der Situation“. Man sei kaum in der Lage zu überlegen, ob das alles überhaupt stimme, was man gerade hört. Bei weiteren betrügerischen Anrufen wie falschen Umfrageinstituten oder unseriösen Verkaufsangeboten käme noch hinzu, dass sich gerade „alleinstehende ältere Menschen oft über jeden Anruf freuen“. Ganz wichtig ist ihm: „Das alles hat mit Intelligenz gar nichts zu tun; es kann jedem passieren.“